
Und wenn er nicht gekommen wäre? Was wäre jetzt, wenn Jesus Christus nie gekommen wäre? Wie sehe es jetzt aus?
Nun gut, es gäbe keine Weihnachtsbäume. Das gleiche gilt für Weihnachtslieder. Wir hätten sie nicht, weder „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Es ist ein Ros entsprungen“ noch „When a child was born“. Wenn das Kind nicht geboren wäre, Jesus Christus, dann gäbe es auch nichts zu besingen. Aber es gibt doch so viel andere Musik! Doch halt: Wenn Jesus nicht gekommen wäre – Bach hätte seine Kantaten nicht komponieren können: die klingenden Predigten, das tönende Gotteslob. Es gäbe nicht das „Ave Maria“ von Bach und Gounod, das viele so lieben und das vielen so viel gegeben hat. Es gäbe den ganzen Bach nicht, so wie wir ihn kennen – genau genommen macht seine Musik (und nicht nur seine!) nur Sinn, wenn man versteht, dass sie fest auf dem Vertrauen in Gott gebaut ist. Im Glauben verwurzelt. Im Glauben an Jesus Christus.
Also: Bach müssten wir streichen. Und Shakespeare. Einen Großteil unserer Schriftsteller – nicht nur der Älteren. Es gäbe die schönen Bücher nicht, die uns so bereichern – wenn wir denn einmal Zeit finden sie zu lesen. Heinrich Böll und seine satirische Geschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ ? – nie geschrieben. In ihr will jemand übrigens Weihnachten das ganze Jahr über feiern. Wäre Jesus nicht gekommen könnte er es nicht einmal ein einziges Mal begehen. Die Behaglichkeit des Heiligen Abends, wenn endlich einmal der Streitpegel gegen Null geht – das gäbe es eben nicht.
Wenn Jesus nicht gekommen wäre, gäbe es keine Weihnachtsferien. Wir hätten nicht die schönen Gottesdienste zur Weihnachtszeit, die doch viele noch aufsuchen. Vielleicht gäbe es Wintersonnenwendeferien. Oder Saturnalienferien – die Tage des großen Besäufnisses und der lockeren Sitten: De facto also Tage, die mit Sicherheit in Streit mündeten, in zerschlagenes Geschirr und kaputt-gegangenen Beziehungen. Katerstimmung in jeder Hinsicht.
Wenn Jesus nicht gekommen wäre – woran würden Menschen dann glauben? Was würden sie für wahr halten? Wohin würden sie nach dem Sterben gehen? Wo wären die Menschen, die im vergangenen Jahr für immer von uns gegangen sind? Welche Zukunftshoffnung hätten sie? Und wir? Hätten wir überhaupt noch Hoffnung? Oder wäre das ganze Leben ein zäher, egoistischer kalter Kampf? Jeder für sich, Nächstenliebe: gestrichen! Zukunft? Nur der Moment zählt, nur das, was ich sehe, ist wahr. In utopischen Romanen wie „1984″ oder „Brave New World“ erzählen uns Schriftsteller, wie eine zukünftige Welt ohne Gott aussähe. Das sind Horrorvorstellungen – da möchte man gar nicht erst leben!
Wenn Jesus nicht gekommen wäre, dann würde die Bibel mit dem Alten Testament enden. Dann wären die letzten Worte des Alten Testaments noch Zukunftsmusik, unerfüllte Prophezeiung: „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit.“ (Mal. 3,20). Es bliebe bei den allerletzten Worte – tatsächlich der Schluss des Alten Testaments: „…auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“ – oder, wie man auch übersetzten kann: mit dem Fluch schlage. Bis dann der schreckliche Tag des Herrn kommt, das Ende der Erde.
So etwas lesen wir nicht gern, nicht wahr? Wir lesen es so ungern, dass wir die mögliche Wahrheit grundsätzlich bezweifeln. Das kann doch nicht sein. Wenn es ein Gott gibt – wieso will der uns verfluchen? Ist Gott denn nicht ein lieber Gott?
Einerseits – andererseits.
Einerseits – woher nehmen wir die Sicherheit, dass es Gott nicht tun würde? Die Hörer des Propheten Maleachi jedenfalls nahmen das durchaus an.
Andererseits – wir sollten es nie vergessen: Jesus ist doch gekommen.
Deshalb feiern wir ja Weihnachten. Deshalb singen wir Weihnachtslieder und hören Musik zur Weihnacht, auch aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Und deshalb kann ich diese Zeilen hier schreiben.
Nun gut. Ich höre einige sagen: Auf den ganzen Weihnachtsstress mit Geschenke kaufen und zu viel essen kann ich gerne verzichten. Weihnachtsbaum – das muss nicht sein. Ich kann Lametta sowie nicht leiden. Die Musik von Bach – das ist nicht mein Geschmack. Und Shakespeare – habe ich noch nicht gelesen. Was ist das überhaupt? Naja, die freien Tage nehme ich natürlich gerne mit…
Da könnte ich schlecht widersprechen. Die lichtergeschmückten Innenstädte und Häuser – sie sind schön. Aber ist das wirklich die Weihnachtsbotschaft? Ist Jesus gekommen, dass wir endlich einen Grund haben, eine Kerze anzuzünden und eine Lichterschlange in den Strauch im Vorgarten zu hängen?
Ganz sicher nicht. Die Weihnachtsbotschaft lautet anders. Die Worte, mit den Jesus in unser Leben eintrat, haben einen anderen Klang. Es sind keine süßlichen Glockentöne, es sind klare Sounds, die allerdings für jeden, der sie begreift so schön sind, dass das Wort süß nicht ganz unangebracht ist: Wir verstehen das Wort „süß“ – Süßes essen die meisten gern. Und die Weihnachtsbotschaft ist – im Bilde gesprochen – unendlich süß.
Wie aber lautet die Weihnachtsbotschaft?
„Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR.“
Und deshalb gilt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2)
Fürchtet euch nicht! Die Prophezeiung Maleachis gilt für Christen nicht mehr. Sie sind nicht Verfluchte, die des Lebens nicht mehr froh werden können. Sie haben Frieden mit Gott, und es ist Gott selber, der das möglich gemacht hat. Wie sollte man ihm da nicht „Ehre“ erweisen? Ehre, wem Ehre gebührt!
Mit der Weihnachtsfreude liegen unsere Zeitgenossen deshalb durchaus richtig, auch wenn sie den wahren Inhalt vergessen haben sollten!
Wenn Jesus Christus nicht geboren wäre, gäbe es diese Worte nicht. Und es gäbe nicht, was sie sagen: Frieden mit Gott – ein Frieden, der erst den wirklichen Frieden mit Mitmenschen möglich macht.
Am Anfang habe ich gefragt: Was wäre wenn Jesus nicht gekommen wäre? Und die Vorstellungen die sich als Antwort auf die Frage anboten, die waren nicht wirklich beglückend.
Aber nun ist Jesus ja gekommen, in ihm Gott, in unsere kleine Welt.
Und das wichtigste, das mit ihm gekommen ist, ist vielleicht, dass er uns gelehrt und vorgelebt hat, aus der Vergebung zu leben. Denn der Friede der Weihnachtsbotschaft ist als erstes der Friede mit Gott. Und dann der Friede mit dem Mitmenschen. Man kann sich vertragen. Man kann um Entschuldigung bitten, und dann kann der andere die Entschuldigung annehmen und vergessen. Alles vergessen nichts nachtragen. Und das ist dann sehr befreiend, erlösend!
Das genau: Vergeben, weil Gott uns vergeben hat wegen Jesus Christus, das sagt der Bibeltext aus dem Propheten Jesaja (44,22 ff), der uns für heute gegeben ist. Gott ruft uns zu:
„Ich vertilge deine Missetaten wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir; denn ich erlöse dich. – Jauchzet ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan; rufe, du Erde hier unten; ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! denn der HERR hat Jakob erlöst und ist in Israel herrlich.“
Jakob und Israel – durch den Glauben in Jesus Christus sind wir damit gemeint, du und ich. Gott will herrlich sein bei uns.
Ja, wenn Jesus nicht gekommen wäre, dann könnten wir Weihnachten nicht feiern. Das Fest des Friedens mit Gott.
Aber er ist ja gekommen.
Und deshalb haben wir das Neue Testament. Seine letzen Worte sind nicht ein Fluch. Im Gegenteil: Sie unterstreichen ein letztes Mal, dass Gott Gnade vor Recht ergehen lassen will. Er möchte es für alle Menschen. Für alle ist Jesus Christus doch gekommen! (Allerdings kann jemand nur ankommen, hereinkommen, wenn man ihm öffnet…)
So also hört die Bibel auf, die letzten Worte der Offenbarung des Johannes: „Die Gnade unsers HERRN Jesu Christi sei mit euch allen!“ Und dann: „Amen.“ Es ist gewisslich wahr, heißt das. So ist es.
Vr. Fred Kuttner, nach einer Predigt 2008